Wandersegelflug: Kleiner Grenzverkehr
Oliver Predelli ist bei uns im Verein schon für regelmäßige Wandersegelflüge bekannt. Auch dieses Jahr hat er keine Ausnahme davon gemacht und ist Ende April bei herrlichstem Wetter losgezogen. Leider war der Himmel etwas zu blau - Segelflieger bevorzugen an sich kleine Quellwolken, die die Thermik anzeigen.
An der Kante der Wolkenthermik am Plauer See
Doch Oliver hat die Thermik und die Tage gut nutzen können und einmal den kleinen Grenzverkehr an den Grenzen zu Tschechien am Erzgebirge und zu Polen entlang von Neiße und Oder abgeflogen. Heruasgekommen sind fünf spannende Tage in der Luft Ende April.
Kleiner Grenzverkehr
Wind Nordwest, in der Höhe mit 50 km/h, da kann man nutzbare Streckenflugthermik vergessen. Doch die Sonne strahlt an diesem letzten Samstag im April von einem blauen, wolkenlosen Himmel herab, das Wetter soll in den kommenden Tagen herrlich werden, der Urlaub ist gebucht, der Flieger gepackt. Also geht es los. Ziel ist der Verkehrslandeplatz Riesa-Göhlis an der Elbe.
Im Anflug auf Riesa
Thermik ist nicht zu finden, die schwachen Aufwinde verwehen im Wind. Ich schaffe die Strecke nur im Sägezahn und muss nach dem Start sechsmal den Motor ziehen. Aber dafür komme ich bereits nach 1:40 Stunden in Riesa an. Das Besondere am Platz ist die Landstraße, die zwischen der Startbahn und den Hallen und Hangars verläuft. Eine Ampel stoppt den Autoverkehr, wenn ein Flugzeug kreuzen möchte. Allerdings sind die Hallenbereiche eingezäunt, und das Durchfahrtstor ist nicht wirklich für Segelflug-Spannweiten gebaut. Ich taste mich in Millimeterarbeit durch die Engstelle und ditsche dennoch leicht an den Ampelpfosten. Das bekommt natürlich jeder am Platz mit. Peinlich, peinlich. Drüben werde ich freundlich von Betriebsleiter Achim empfangen, und er bietet mit spontan für die Nacht einen Hallenplatz. Ein Motor-Pilot, der gerade sein Flugzeug eingeräumt hat, bringt mich anschließend mit seinem Auto bis vor mein Hotel „Wettiner Hof“. Nach einem abendlichem Sightseeing durch die Fußgängerzone, zum Rathausplatz und an die Elbe, lasse ich den Tag beim Italiener „Casa Mia“ ausklingen.
Es gibt tatsächlich einen Bus, der auch am Sonntag im Stundentakt vom Puschkin-Platz zum Flugplatz fährt. Heute sind die thermischen Bedingungen besser - denke ich jedenfalls. Und es geht gut los. Mittlere Wolkenthermik mit Basis um die 1.600 Meter. Ich setze mir mit Landshut in Bayern ein ehrgeiziges Ziel und starte gegen 13 Uhr. Doch leider ist es ab Zwickau nur noch Blau. Zu allem Überfluss bildet sich über Bayern eine kräftige Abschirmung. Die Thermikgüte nimmt spürbar ab. Ich schaffe es einfach nicht, den Höhenzug zwischen Thüringer Wald und Erzgebirge zu kreuzen. Selbst mit Motorkraft komme ich nicht wirklich voran, sodass ich mich entschließe, den Trip abzubrechen und stattdessen nach Auerbach zu fliegen. Auerbach hatte ich vorher schon als möglichen Ausweichplatz in Betracht gezogen. Der Verkehrslandeplatz liegt am westlichen Ende des Erzgebirges und hat eine engagierte Segelflug-Gruppe, die mich herzlich empfängt. Nachdem der Flieger auf dem Außengelände für die Nacht verzurrt ist, begebe ich mich zu Fuß auf den Weg ins Tal. Meine kurzfristig gebuchte Pension "Turmblick" liegt mitten im Ort, bietet aber leider keinerlei Verpflegung. Dafür genieße ich den Abend mit lokal gebrautem Bier im Restaurant „Zum Schlossturm“ und einem schönen Blick auf den Ort herab.
Auf dem Flugplatz Auerbach im sächsischen Vogtland
Der Flugplatz in Auerbach hat eine bewegte Geschichte. Lutz, er ist am Montag der Betriebsleiter, erzählt sie mir, während ich auf den Beginn der Thermik warte: Bereits 1954 begann man dort wieder mit dem Segelflug, wenn auch unter Aufsicht der „Gesellschaft für Sport und Technik“ (GST), dem paramilitärischen Jugendsport der DDR. Doch die Freude währte nicht lange, denn 1962 gelang eine erfolgreiche Republikflucht mit einem in Auerbach gestarteten Flugzeug. Das passte den Behörden natürlich gar nicht, es gab ein mehrwöchiges totales Flugverbot, das später unter strengen Auflagen gelockert wurde. Erlaubt waren danach nur Flüge Richtung Osten, und Pilot durfte man nur noch bei politischer Zuverlässigkeit und vor allem ohne Westverwandtschaft werden. 1979 war Auerbach der DDR-Regierung dann generell zu nah an der BRD-Grenze, und der Flugbetrieb wurde komplett eingestellt. Kein Wunder, dass es bereits am 10.02.1990 (!) zu einer Neugründung des Fliegerklubs Auerbach kam. Dafür bekam der Verein von der Treuhand vier Segelflugzeuge aus GST-Beständen. Für eine Mark pro Flugzeug – da schimpfe noch einer auf die Treuhand.
Die Thermik setzt gegen Mittag ein. Leichte Cirrus-Bewölkung in großer Höhe, darunter Blauthermik, aber das kenne ich ja schon. Heute will ich nach Neuhausen bei Cottbus. Ich starte Richtung Oberwiesentahl und schaue aus 2000 Metern Höhe auf Fichtelberg und Klinovec heruter. Nördlich des Erzgebirges kommt der Wind aus nördlicher Richtung. An seiner Südflanke bläst die Thermik den Hang hinauf. Beide Luftströmungen treffen sich über dem Erzgebirgskamm und ich gleite unbeschwert durch die Konvergenz, mal auf tschechischer Seite, mal auf deutscher Seite. Die Sicht ist endlos über Tschechien, Deutschland und Polen, das Riesengebirge erscheint zum Greifen nah. Ich genieße die grenzenlose Freiheit. Schade, dass die Hälfte der Leute, die dort unten leben, am Liebsten alle Landesgrenzen wieder dicht machen möchten. Wieviel schöner wäre doch die Welt, gäbe es mehr Segelflieger.
Blick vom Erzgebirgskamm ins Böhmische Becken
Über Görlitz drehe ich auf Kurs Nord, bleibe aber aus drei Gründen auf der polnischen Seite: In Klix findet ein internationaler Segelflugwettbewerb statt, und um Wettbewerbsflieger, die am Spätnachmittag versuchen, letzte Wertungssekunden im Endanflug auf die Ziellinie zu gewinnen, macht man am besten einen großen Bogen. Zweitens ist die EDR76 im Wege. Und drittens erwarte ich über den polnischen Wäldern deutlich bessere Thermik als über der Oberlausitzer Heide- und Teichlandschaft. Der Plan geht auf, die Blauthermik-Bärte über der Waldlandschaft sind der Hammer. Sie reichen 1800 Meter hoch, wodurch der Weiterflug nach Neuhausen ein Kinderspiel ist. Die Lage des Flugplatzes direkt neben dem Bahnhof verschafft ihm einen einmaligen Standortvorteil. Die Bahnfahrt nach Cottbus dauert 10 Minuten, weitere 10 Minuten vom Hauptbahnhof zum Einchecken im gegenüberliegenden „Radisson Blue“, und dann nochmal 10 Minuten bis in die Sauna in der 9. Etage.
Starke Blauthermik über Wäldern sind herausfordernd. Die Bärte sind extrem eng, sodass man den Kern mit 5 m/s Steigen kaum zentriert bekommt. Direkt daneben geht’s gleich wieder expressmäßig runter. Ständig muss nachkorrigiert werden. Es schüttelt den Flieger durch und man denkt, man hätte das Fliegen verlernt. Bei meiner DG400 drückt es bei starken Aufwinden immer das Heck hoch, wodurch sie schneller wird. Man kann gar nicht schnell genug ziehen, um die Geschwindigkeit konstant zu halten. Fliegt man dann weiter, sinkt die Luftmasse zwischen den Bärten mit 5 m/s. Daran muss man sich über unlandbarem Gebiet auch erst mal gewöhnen und darauf vertrauen, dass der nächste Bart im Blauen schon kommen wird. Bei diesen Wetterlagen fliegt man am besten nur nach Bodenmerkmalen. Wo ist der nächste Waldeinschnitt, an dem die Thermikluft angehoben wird? Von wo kommt der Bodenwind, wo verläuft der Ablösepfad des Bartes? Wenn der Bart nach oben entschwindet und man noch nicht genügend Höhe hat, lohnt sich ein Zurückfliegen entlang des vorherigen Ablösepfades um sich den nachlaufenden nächsten Bart zu angeln. An Flüssen fliegt man immer entlang der Waldkante auf der Luvseite des Wassers, dort enden die Ablösepfade der Bärte, die sich zuvor über den Wäldern aufgebaut haben, und man trifft von Bart auf Bart. Leeseits der Flüsse ist in einem breiten Streifen hingegen nur noch Sinken.
Flug über die Neiße zwischen Guben (links) und Gubin (rechts)
Am Dienstag will ich von Neuhausen nach Anklam. Schon wieder ist alles Blau. Es ist eine schöne Strecke rechts und links von Neiße und Oder. Doch das Fliegen ist wegen der Blauthermik wieder extrem anstrengend. Die Luft ist sehr unruhig, ständig gibt es heftige Schläge von unten, Querwinde und 5 m/s Sinken. Ich traue mich kaum, den Knüppel loslassen, um zu fotografieren, weil es das Flugzeug jederzeit zur Seite reißen kann. Über dem Oderbruch geht thermisch nichts, nur feuchte Wiesen unter mir. Ich wechsle auf die andere Seite der Oder, zu den Aufwinden über den polnischen Wäldern. Querab Pasewalk muss ich den Motor starten, sonst erreiche ich Anklam nicht mehr rechtzeitig vor Toresschluss um 18 Uhr. Anklam ist die Geburtsstadt Otto Lilienthals. Die Stadt gedenkt seinem genialen Sohn auf verschiedenste Weise. Es gibt ein Museum, eine Gedenktafel im Ortskern, eine Büste wo das Geburtshaus stand, das Einkaufszentrum ist nach ihm benannt, aber auch das Gymnasium, selbstverständlich trägt der Flugplatz seinen Namen, sowie der örtliche Fliegerclub. Und mein Hotel steht direkt neben dem Otto-Lilienthal-Denkmal.
Das Otto Lilienthal Denkmal in Anklam
„Heute Blau und morgen Blau und übermorgen wieder“. Nun geht es zurück nach Wilsche. Übermorgen soll es thermisch weniger gut gehen, doch heute, am Mittwoch, soll die Blauthermik noch einmal kräftig werden. Bereits über Anklam hebt es auf über 1500 Meter, wobei hier noch einzelne Wolken stehen. So eine Thermik hätte ich dicht an der Ostsee nicht erwartet. Wahrscheinlich liegt es an der kontinentalen Luft, die der Südostwind aus Polen heranträgt. Ich habe einen herrlichen Blick auf Usedom und das Stettiner Haff. Leider wird bereits im zweiten Bart die Motorabdeckung durch heftige Thermik-Schläge hochgedrückt. Das bringt mich voll aus dem Konzept, sodass ich die tragende Linie verliere und direkt ins thermisch tote Gebiet zwischen Peene und Tollensetal einfliege. Dort ist überall feuchtes Marschland. Ich brauche dreimal die Hilfe meines Motors, um dort wieder herauszukommen. Kurz hinter Müritz und Plauer See verschwinden die letzten Wolken, von nun an ist alles wieder komplett Blau, doch es geht hoch bis auf 2000 Meter.
Ab dem Plauer See war alles blau - Zufall? ;-)
Die Querung der Elbe wird noch einmal zur Herausforderung. Ich muss etwas suchen, bis ich an der nördlichen Waldkante einen Bart finde, der mich zumindest bis auf 1500 Meter bringt. Die Höhe ist auch dringend nötig, denn es braucht etwa 15 km, bis ich auf der anderen Seite der Elbe auf einen schwachen Aufwind treffe, der mich wieder nach oben trägt. Kurz nach 17 Uhr lande ich in Wilsche, und der Wandersegelflug ist zu Ende.
